"Bildungsaufstieg ist eine enorme Leistung"

Katja Urbatsch stammt aus einem nicht-akademischen Elternhaus und hat trotzdem studiert. Mit dem Netzwerk ArbeiterKind.de will sie dafür sorgen, dass Kinder aus hochschulfernen Familien nicht mehr hören müssen: "Ein Studium ist nichts für dich." Im Interview spricht sie über Bildungshürden und das Deutschlandstipendium als Chance auch für Nicht-Akademikerkinder.

Porträt Katja UrbatschKatja Urbatsch hat das Netzwerk ArbeiterKind.de gegründet, um Kinder aus hochschulfernen Familien den Weg an die Uni zu erleichtern.
Foto: © BMBF 2013
Frau Urbatsch, von 100 Akademikerkindern nehmen 71 ein Hochschulstudium auf. Bei Kindern nicht-akademischer Herkunft sind es gerade mal 24. Warum schaffen es so wenige Arbeiterkinder an die Hochschulen?

Zum einen muss man erst einmal auf die Idee kommen, zu studieren. Man tendiert ja doch eher dazu, den Bildungsweg der Eltern einzuschlagen. Und studieren, obwohl noch nie jemand aus der Familie an der Uni war? Obwohl für die Eltern nur eine Ausbildung infrage kommt? Obwohl mir einige Lehrer und Berufsberater sagen, das sei bestimmt nichts für mich? Arbeiterkinder werden zu selten ermutigt. Viele trauen sich das Studium dann selbst nicht zu und meinen, sie seien nicht gut genug – trotz hervorragender Noten in der Schule. Ganz entscheidend ist auch die Bildungseinstellung der Eltern und ob diese den Weg an die Hochschule fördern.

Wie sieht Ihre Netzwerkarbeit konkret aus?

Es geht darum, Bildungshürden zu senken. Das Netzwerk informiert Schüler und Studierende zu allen Fragen des Studiums. Wir haben mittlerweile mehr als 5.000 ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren, die in die Schulen gehen, Vorträge halten, Studienfächer, Bildungswege und Finanzierungsmöglichkeiten vorstellen. Das sind auch unsere wichtigsten und erfolgreichsten Veranstaltungen. Unsere Mentorinnen und Mentoren sind in der Regel die Ersten aus ihren Familien, die studieren. Deshalb wissen sie genau, welche Hürden einem begegnen können. Und wenn die dann von ihren eigenen Ängsten und Erfolgen erzählen, motiviert das andere Nicht-Akademikerkinder. Wir müssen nur ein bisschen lotsen und zeigen: Es geht!

Sie haben mit ArbeiterKind.de ziemlich für Furore gesorgt und zahlreiche Auszeichnungen bekommen. Haben Sie damit gerechnet?

Überhaupt nicht (lacht). Ich habe das mit Blick auf meine eigene Bildungsbiografie gemacht, den richtigen Moment und offensichtlich einen Nerv getroffen. Diese Zielgruppe wurde bisher nicht richtig angesprochen. Und sie hatte keine Stimme. Das haben wir geändert – und eine gesellschaftliche Diskussion angestoßen. Vielen ist einfach nicht klar, wie stark der Bildungserfolg von familiären und finanziellen Vorraussetzungen abhängt. Und dass es Studierende gibt, die weder einen Computer noch genug zu essen haben.

Ist das BAföG ein Mittel, diese ungleichen Bildungsvoraussetzungen zu überwinden?

Unbedingt, für Studierende aus sozial schwachen Familien ist BAföG existenziell. Denn die Eltern können meist gar nichts oder nur sehr wenig beisteuern. Gleichwohl müssen wir viele Nicht-Akademikerkinder erst davon überzeugen, einen BAföG-Antrag zu stellen – die Angst vor Schulden ist groß. Das belastet einige so sehr, dass sie nachts nicht schlafen können. Wir machen deshalb auch Mut, sich als weitere Finanzierungsmöglichkeit um Stipendien zu bewerben und unterstützen dabei (siehe "Hintergrund", Anmerk. d. Redaktion).

Dabei wird vielen Stipendienprogrammen vorgeworfen, nur die Bildungseliten zu fördern. Teilen Sie die Kritik?

Ich finde, man muss da differenzieren. Es stimmt, dass Stipendiaten immer noch überwiegend aus Akademikerfamilien kommen. Aber es gibt inzwischen ein großes Interesse der Stipendiengeber insbesondere auch immer mehr Kinder aus nicht-akademischen Elternhäusern aufzunehmen. Eine Reihe von Hochschulen legt auch bei der Vergabe des Deutschlandstipendiums soziale Kriterien an. Ein gutes Beispiel ist die Initiative "Aufsteiger gesucht!" der niedersächsischen Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände, die mit dem Deutschlandstipendium vornehmlich Studierende der ersten Generation fördern.

Also findet ein Umdenken statt?

Mit Stipendienprogrammen soll Leistung gefördert werden. Und der Bildungsaufstieg ist eine enorme Leistung. Es braucht viel Engagement, den Bildungspfad der Eltern zu verlassen. Oder sich sein Studium mit Jobs selbst zu finanzieren. Tatsächlich entsteht langsam ein Bewusstsein für soziale Komponenten und die Voraussetzungen, mit denen jemand gestartet ist. Bei der Vergabe des Deutschlandstipendiums sollen ja auch bildungsbiografische Hürden, die ein Bewerber überwinden musste, eine entscheidende Rolle spielen. Das noch stärker zu berücksichtigen, finde ich wichtig. Denn herausragende Leistungen sind keine Frage der Herkunft. Viele unserer Mentorinnen und Mentoren erhalten ein Deutschlandstipendium oder werden von den Begabtenförderungswerken unterstützt. Und die wissen, welche Anerkennung ein Stipendium bedeutet. Das motiviert ungemein und stärkt das eigene Selbstvertrauen.

Fühlt man sich denn irgendwann angekommen in der akademischen Welt?

Schwierig. Studierende der ersten Generation bewegen sich zunächst noch sehr unsicher an der Hochschule. Die Kommilitonen wissen scheinbar alles besser, können sich viel selbstbewusster in Szene setzen. Auch ich habe immer mal wieder das Gefühl, nicht dazuzugehören. Hinzu kommt bei vielen eine innere Zerrissenheit, weil man sich von seiner Familie entfremdet fühlt. Man bewegt sich eben immer zwischen zwei Welten. Auch deshalb habe ich ArbeiterKind.de gegründet. Es befreit unglaublich, wenn man sich über seine Sorgen austauschen – und auch mal gemeinsam darüber lachen – kann.

Über Katja Urbatsch

Die Tochter eines Bankangestelltenpaares aus Ostwestfalen studierte Nordamerikanistik, BWL und Publizistik. Im September 2008 gründete sie das Netzwerk ArbeiterKind.de. 2011 erschien ihr Buch "Ausgebremst. Warum das Recht für Bildung nicht für alle gilt". Darin erzählt die 33-Jährige von Studierenden, die sich ohne familiäre Hilfe durch ihr Studium kämpfen und welche Hürden sie dabei zu nehmen haben. Sie lebt in Berlin und promoviert über amerikanische Literatur.

Hintergrund

Das BAföG und das Deutschlandstipendium sind Wege der Studienfinanzierung, die sich ergänzen. Studierende können beides gleichzeitig und ohne Abzüge in Anspruch nehmen. Das BAföG wird in der Regel zur Hälfte als Zuschuss und zur Hälfte als zinsloses Darlehen vergeben. Bereits seit 2001 ist die Höhe der BAföG-Mittel, die zurückgezahlt werden müssen, auf maximal 10.000 Euro begrenzt. Beim Deutschlandstipendium erhalten Studierende monatlich 300 Euro. Das Geld muss nicht zurückgezahlt werden. Die Förderung soll helfen, leistungsstarken und engagierten Studierenden möglichst lange den Rücken freizuhalten. Sie dauert in der Regel mindestens zwei Semester und kann bis zum Ende der Regelstudienzeit laufen.

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